Nachtwanderung von Interlaken zur Harder Kulm (Juni 2019)

Zwei Schläge auf den Hinterkopf reißen mich aus dem Schlaf. Ruckartig schaue ich nach hinten, sehe jedoch nur die dunkle Zeltwand im Schein der nächsten Straßenlampe. Jetzt erst realisiere ich die Stimmen von Menschen, die vor unserem Zelt stehen. Einzelne Wörter versteht man zwar nicht, aber der genervte Unterton und die gereizte Stimmung sind nicht zu überhören. Neben mir klingelt bereits seit ganzen sechs Minuten der Wecker auf voller Lautstärke und weckt alle anderen auf der Zeltwiese - außer uns. Es ist 1:56 Uhr und die Augen lassen sich kaum öffnen, denn wir sind erst eine gute Stunde zuvor eingeschlafen. Nach ein paar Minuten jammern stehen wir dann natürlich doch auf und öffnen den leicht feuchten Reißverschluss an der Vorderseite des Zeltes. Da die Waschmaschine des Campingplatz am Vortag leider durchgehend besetzt war, mussten die bereits getragenen Socken wieder aus der Schmutzkleidertüte raus. Eine Motivationsspritze sieht anderes aus. Draußen ist es erstaunlich frisch, aber durch den doch recht steilen Aufstieg erhoffen wir uns ausreichend Körperwärme, sodass wir jeweils nur eine weitere Jacke mitnehmen. Tagsüber sind 750 Höhenmeter absolut keine Schwierigkeit, aber nachts fühlen sich die Beine irgendwie nur halb funktionsfähig an und so sind die ersten Meter tatsächlich härter als gedacht. Glücklicherweise ändert sich das nach dem ersten Anstieg, die Muskeln werden wieder warm und es geht nun mit relativ konstanter Geschwindigkeit voran. Es ist Halbmond, aber im dichten Wald kommt von dem Licht nahezu nichts mehr an. Für die Stirnlampe sind wir dementsprechend dankbar. Zwischen den Bäumen sieht man teilweise schon die vielen Lichter der Straßen von Interlaken und es sieht fantastisch aus. Die Vorfreude auf den Blick in das gesamte Tal wächst mit jedem zurückgelegten Höhenmeter und das Gehen fällt jetzt immer leichter. Auf einem Felsvorsprung legen wir eine kurze Trinkpause ein und ich schaue mehr oder weniger zufällig nach oben. Durch das helle Licht der Lampe haben sich die Augen noch nicht an die absolute Dunkelheit gewöhnt, weshalb mir der prachtvolle Sternenhimmel bis zu diesem Augenblick gar nicht weiter aufgefallen ist. Die Milchstraße ist an den helleren Stellen mit dem bloßen Auge zu erkennen. In Gedanken stelle ich mir vor, wie gut man den Nachthimmel jetzt wohl von einer freien Stelle aus fotografieren könnte, obwohl mir bewusst ist, dass diese Gedanken unnütz sind, da es schon wieder viel zu hell ist, bis wir oben an der Harder Kulm mit freier Sicht angekommen sind. Zu dem gleichnamigen Restaurant fährt halbstündlich eine Bergbahn hoch und herunter und dementsprechend viele Touristen sind zu erwarten. Das Gute ist jedoch, dass die Bahn erst ab 9:00 Uhr in Betrieb ist, was mit Menschenleere in der Zeit davor gleichzusetzen ist. Zurück auf dem Weg nach oben, bekommen wir das Gefühl uns verlaufen zu haben nicht mehr los, da wir uns an den Weg nicht erinnern können. Eigentlich ist der Weg gut beschriftet und kaum zu verfehlen - erst recht nicht, nachdem man ihn schon einmal gegangen ist, aber nachts sieht alles schlichtweg etwas befremdlich aus. So kommt es, dass wir stehenbleiben und uns die aktuelle Position lieber nochmal zuerst in Google Maps anzeigen lassen, bevor wir weitergehen. Doch zu unserer Überraschung befinden wir uns noch immer auf dem richtigen Weg und sind nur noch wenige Meter vom Ziel entfernt. Eine Abzweigung später sieht man die Plattform schon über den Baumwipfeln und ein Gefühl der Zufriedenheit macht sich breit. Die Terrasse ist nachts nicht abgeschlossen, sondern frei zugänglich. Sogar die Türen zu den beheizten Sanitäranlagen waren dankbarerweise offen. Kaum betreten wir die Aussichtsplattform, macht sich ein Staunen breit, denn das was man sieht, ist kaum in Worte zu fassen. Die vielen tagsüber unscheinbaren Straßen, werden durch die Beleuchtung zu einem Netz des Lichtermeeres. Aufgrund der Position der Aussichtsplattform hat man zudem noch das Gefühl, direkt über der Stadt zu stehen, was das gesamte Erlebnis nochmals verstärkt. Würde man es nicht besser wissen, wäre man absolut überzeugt, dass es dort im Tal eine Großstadt geben muss, denn dadurch, dass die vielen Dörfer recht nah beieinander liegen, entsteht der Eindruck alles würde zusammengehören. Gegenüber auf der anderen Seite des Brienzersees hat man einen schönen Blick auf die Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau. Ich packe meine Kamerasachen aus und ziehe mir die Jacke drüber, da es hier oben gefühlt eisig geworden ist. Allerdings bemerken wir schon kurze Zeit später, dass es eigentlich immer noch viel zu kalt ist und so fangen die Beine relativ schnell zu zittern an. Wie sich herausstellt, ist das tatsächlich ein echtes Problem, denn die Aussichtsplattform fing deswegen auch leicht zum Schwingen an. Deshalb versuche ich so gut es irgendwie geht, während der Belichtungszeit möglichst still zu stehen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, denn bei einem Panorama, bei welchem jedes Einzelbild 30 Sekunden belichtet wird, hat man quasi keine Pause. In den Kameraeinstellungen stelle ich die Monitorhelligkeit auf den niedrigsten Wert, denn sonst lässt man sich nachts leicht täuschen und macht alle Bilder viel zu dunkel. Leider ist mir das schon einmal passiert, darum möchte ich es nun vermeiden. Während der Horizont hinter dem Brienzersee mittlerweile schon etwas heller Farben bekommt, liegt der Thunersee noch dunkler im Dunst. Von hier oben wirkt die ganze Landschaft auf eine besondere Art irgendwie so still. Einzelne Autos fahren hin und wieder die Straßen entlang, aber Verkehr kann man es trotzdem noch nicht nennen. Auf dem fertigen Bild wird die gesamte Straße dennoch erleuchtet zu sehen sein, obwohl dort hinten nur ein einziges Fahrzeug unterwegs ist. Die lange Belichtung führt zu Leuchtspuren, die man sich hier perfekt zunutze machen kann. Während ich mit der Kamera beschäftigt bin, macht sich Phu an den Softeisautomaten auf der Terasse zu schaffen. Tatsächlich kann man das Summen der Kühlung noch hören und eine Überwachungskamera scheint es hier oben auch nicht zu geben. Vier Franken kostet hier eine kleine Portion Softeis. Ein sportlicher Preis für unsportliche Touristen, die tagsüber mit der Bahn hochkutschiert werden. Er drückt den Hebel herunter und es spritzt unten in alle Richtungen heraus. Wie es scheint wurde am Vorabend ein Korken oder Ähnliches eingeschoben, damit die Abfüllung nicht mehr richtig funktioniert. Wäre auch zu schön gewesen um wahr zu sein. Wir lachen - das hilft gegen die Kälte. Nach und nach wird es langsam heller und die ersten Bergspitzen werden von der Sonne angeleuchtet. Einige Morgenläufer kommen vorbei, bleiben jedoch nicht lange und so haben wir die Terrasse im Endeffekt doch wieder für uns alleine. Um 6:45 Uhr machen wir uns schließlich wieder an den Abstieg und freuen uns auf die frischen Brötchen, die wir im Tal frühstücken werden. Während die restlichen Camper jetzt erst aufstehen, legen wir uns nochmal zufrieden in die Schlafsäcke. Die schönste Stimmung ist schließlich schon längst vorbei.​​​​​​​

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